Der Besuch von Bunny (Teil 1 )
(Hinweis: Diese vier Bunny-Stories sollten mit einem "Surrealism on the rocks" genossen werden.)
Der Hase sitzt mir am Küchentisch gegenüber und stopft sich meine aufgewärmten Spaghetti Napoli rein.
"Alles klar?", frage ich.
Er nickt und meint: "Eier, Eier, Eier... und denen fällt auch nichts mehr Neues ein."
"Welchen denen?"
"Den Italos. Haste gewusst, dass die zwei Worte haben für Eier?" Er wartet gar nicht meine Antwort ab, sondern redet schmatzend weiter: " `Le uova` für Hühnereier und so und `coglioni` für Männereier." Er guckt mich ernst an. in seinen Schnauzhaaren hängt Tomatensauce.
«Ist das ein Witz?»
«Ich mach keine Witze. Frag meine Frau», meint der Hase gereizt. «Diese elenden Feiertage gehen auf`n Sack … heisst bei denen übrigens auch `coglioni`.»
«Ich kann kein Italienisch», sage ich.
«Solltest du aber, hast sie ja praktisch vor der Nase.»
«Wen?» Ich blicke ihn fragend an.
«Die Italos, du Oberlulle!», grinst er und leckt sich den Mund ab. Ich sehe seine Schneidezähne. Schon wieder Zahnstein. Mit dem Zeigefinger tippe ich an meine oberen Schaufeln und flüstere: «Dentalhygiene!»
Er verzieht das Gesicht und legt die Ohren zurück. Jetzt wird er gerade echt wütend.
«Zu dem geh` ich nimmer mehr!», pfeift er mich an und schleudert den leeren Teller in die Spüle. «Der hopst mit meiner Frau ins Bett, diese Oberzahnlusche, diese elendigliche!»
«Entschuldige, aber ich wäre eher wütend auf meine Frau», zucke ich die Schultern.
«Ach leck mich doch!», schnauzt mich der Hase an. «Die kann karnickeln, so viel sie will, hat sie eh nicht alle!»
«Willst du `ne Scheibe Brot?», lenke ich ab.
«Steck sie dir, wo du willst», murmelt er, blickt auf die Tischplatte und kratzt mit seinem Fingernagel eine tote, eingetrocknete Fliege weg. Dann kullern auf einmal einige Augenwassertropfen seine Nasenwand hinunter und der schnieft seinen Rotz hoch. Jetzt tut er mir leid.
«Sorry, dass du die letzten Tage so`n Stress hattest», meine ich mitfühlend. «Vielleicht solltest du Job wechseln, ne?»
«Ach, lass gut sein. Danke für die Spaghetti.»
Dann rutscht er vom Stuhl und verlässt die Küche. Ich höre nur noch, wie die Eingangstüre zuknallt.
Der Besuch (Teil 2)
Es läutet. Auf dem Weg zur Türe trockne ich meine Hände an den Jeans ab und stürze beinahe über Miss Doublechin, die um meine Beine kreiselt. Der Hase steht vor mir und glotzt mich mit roten, wässrigen Augen an.
«Tschau!», versuche ich es gut gelaunt.
«Selber tschau», meint er nur und blinzelt.
«Hast du eine Bindehautentzündung?»
«Toll bemerkt. Konjunktivitis nennt sich das», sagt er gereizt. «Wo ist mein Hut?»
«Welchen Hut?»
«Den vom letzten Mal.»
«Du hattest keinen Hut.» ich hebe fragend die Augenbrauen.
«Klar hatte ich den!», rotzt er mich an und drängelt sich an mir vorbei in die Wohnung.
«Das wäre mir aber aufgefallen, du mit Hut über den Ohren!», lache ich. Fehler. Grosser Fehler.
«F*ck dich!» Der Hase reisst im Schlafzimmer meinen Schranktüre auf und wirft meine frisch gebügelten Blusen raus auf den Boden. Dann zerrt er an den Schubladen meiner Kommode, kriegt sie aber nicht auf. Er stemmt ein Bein dagegen. «Aaah, f*ckt euch doch alle! Scheissschublade!»
«Hey, komm mal runter!», meine ich jetzt auch leicht genervt. «Für was brauchst du denn diesen Hut so dringend?»
«Na für die Scheidung. Muss auf das Standesamt, unterschreiben gehen», schnauft er ausser Atem.
«Und dafür braucht man einen Hut?», brumme ich vor mich hin, laut genug, sodass der Hase es hört.
«Es ist mir kreuzscheissegal, wie mein Weib daherkommt, aber ich trage Hut! Verstehste?!»
Ich hebe abwehrend die Hände und gucke zu, wie er weiter meine Wohnung durchforstet.
«Und wer übernimmt euren Hund?», versuche ich ein einigermassen neutrales Gespräch. Fehler. Schon wieder.
Der Hase hält kurz inne, starrt mich mit seinen geröteten Augen an und schreit: «Pony!! Wir haben ein Pony, keinen Hund, du vergessliche Lusche!»
Jetzt reicht`s.
«Du hattest letztes Mal KEINEN Hut! Und als Hase ein Pony zu haben ist einfach nur KRANK!», brülle ich ihn an.
Jetzt fallen seine Ohren beidseits hinunter, er sinkt auf die Knie, fällt mit dem Gesicht in den staubigen Wohnzimmerteppich und fängt an zu plärren wie ein Kleinkind.
Ich tätschle ihm vorsichtig den Rücken. «Komm, lass uns in die Küche gehen. Ich mache dir deinen `Bunny on the beach`, okay? Der hilft bestimmt auch bei Konjuktavisis.»
Der Besuch (Teil 3)
Der Hase zieht am Strohhalm in langen Zügen seinen Cocktail rein. Die Haare seiner Mümmelnase sind immer noch feucht vom Heulen.
«Muss mal kurz», sage ich, stehe auf und verschwinde. Auf der Schüssel sitzend überlege ich mir, ob ich ihm die Nummer meines Psychologen geben soll. Als ich nach einer Weile wieder rauskomme, sehe ich, wie der Hase im Wohnzimmer auf einem Schemel steht und in mein Aquarium pinkelt.
«Sag mal, hast du sie nicht mehr alle!», schreie ich.
Der Hase legt den Kopf in den Nacken, schüttelt unten kurz ab und guckt mich dann mit seinen geröteten Augen an. «Ich musste auch dringend.»
«Aber dann mach`s in die Spüle, du Volldepp!»
Wieder in der Küche klettert er auf einen Stuhl und meint: «Im Meer schwimmt so viel Mikroplastik rum und du kriegst Krise wegen paar Tropfen.»
«Halt die Schnauze.»
«Hey, ich hab da übrigens wen kennengelernt», zwinkert er mir zu.
«Ach ja?», meine ich gelangweilt.
«Boah! Die stand vor mir in der Schlange beim Drogisten. Hatte sooo lange Beine und einen sehr kurzen Jupe...»
«Stopp!», rufe ich. «Eine FRAU?»
«Ja was denkste denn!», meint der Hase aufgeregt. «Konnte von unten ihren rosa Schlüpfer seh...»
«STOOOPP! Erspare mir die Details, bitte!»
«Hasenfrauen sind langweilig. Siehe meine Frau», sagt er, jetzt schon wieder in gereiztem Ton.
«Aber die karnickelt doch wie blöd, haste gesagt.»
«Ja, aber den Dentalhygieniker!», meint er böse. «Also lass mir verdammt nochmals meine Drogerie-Schlangen-Frau!»
Ich atme laut aus. «Langsam hab ich die Nase voll von deinem bipolaren Gehabe.»
«À propos Nase: Vorher ziehen wir uns jeweils `ne fette Linie rein und dann...»
«JETZT FRESSE ZU UND RAUS DA!» Der Stuhl hinter mir kippt, als ich aufspringe und mit dem Zeigefinger zur Eingangstüre weise.
«jaja. Schon gut.» Er wackelt vor mir Richtung Türe. Draussen dreht er sich um und blinzelt mit seinen entzündeten, roten Augen: «Gehe sie vor dem Standesamt noch besuchen. Dann brauch ich auch meinen Hut nicht mehr, den du noch hast.»
Mit einem Rums schlage ich die Türe vor seiner Hasen-Visage zu.
Das war das letzte Mal, dass er auf Besuch war, schwör`s!
Der Besuch (Teil 4)
Einen Tag später läutet es um Mitternacht. Ich nerve mich, weil ich vergessen hab, die Glocke auszuschalten. Wieder der Hase, mit noch mehr geröteten Augen als gestern.
«Hast was geraucht, ne! Ich will eine Entschuldigung, sonst kommst du hier nicht mehr rein!», meine ich kühl.
«Ja okay, tut mir echt leid, was passiert ist, wirklich!»
«Moment, muss zuerst Miss Doublechin ins Schlafzimmer sperren.» Der Hase hat panische Angst vor Katzen. Dass er sie letztes Mal nicht bemerkt hat, muss an seiner Psychose liegen.
In der Küche sitzt er auffällig still auf da. Er nickt nur, als ich ihn nach seinem Cocktail frage.
«Wie lief die Scheidung?»
«Sie ist nicht aufgetaucht.» Seine Mümmelnase und die Oberlippe zittern. «Hat mir `ne Whatsapp geschickt mit `Komme nicht, liebe dich`...»
«Und was heisst das jetzt für dich?»
Er zieht tief Luft in die Lungen und meint: «Ich lieb sie doch auch, scheisse nochmals, und ja, ich hatte keinen Hut und es tut mir leid wegen der Drogerie-Schlangen-Frau und das mit deinem Aquarium und...» Ich blicke an ihm vorbei und sehe Miss Doublechin, die irgendwie aus dem Zimmer ausgebüxt ist und jetzt zu uns in die Küche guckt. Der Hase bemerkt meinen Blick und dreht sich um. Ich habe noch nie ein so hohes Quieken gehört, als der Hase vom Stuhl aufspringt, zur offenen Balkontür hinaushopst und dann mit einem Satz über das Geländer hüpft.
Pech, dass wir im 5. Stockwerk wohnen.
Glück, dass ich ein Katzennetz montiert habe.
Der Hase wird wie ein Gummiball daran zurückgefedert und bleibt perplex auf seinem Hintern sitzen. Dann beginnt das Geplärre, nachts um halb eins.
Nachdem ich Miss Doublechin sicher verwahrt habe, packe ich den Hasen am Genick und hebe ihn hoch. Er krallt sich an mich und schluchzt immer wieder laut auf. Seine warmen Tränen rinnen meine Schulter hinab. Auf der Ablage nebenan liegt der Hut, den ich heute extra für ihn gekauft habe.
Ich nehme den Hasen hinunter und wiege ihn sachte in meinen Armen. Dann beginne ich leise zu singen: «Schlaf, Häschen, schlaf. Die Sterne funkeln brav...»
Nach einer Weile lege ich vorsichtig dem jetzt schlafenden Hasen den Hut auf den Kopf und schaukle ihn weiter hin und her.
@karinas__tales, April 2026
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